Interkulturelles Management

1.1 Interkulturelles
Lernen
1.2 Anekdote 1.3 Industrie-
ansiedlung in Irland
1.4 Zeit

1.4 Zeitvorstellungen

Ein Grundelement eines jeden Denkstils ist sein Zeitbegriff. Die Modernität richtet sich unbedingt nach der Zeit, die auf einer Armbanduhr gemessen werden kann. Diese Art des Zeitbegriffes ist der überwältigenden Mehrheit der traditionellen Gesellschaften in der Dritten Welt völlig fremd. John Mbiti, ein in der Schweiz lebender kenianischer Philosoph (1931*) behauptet, dem traditionellen afrikanischen Bewusstsein fehle die Kategorie der Zukunft, wie sie sich im westlichen Denken herausgebildet hat. Die Zeit wird eingeteilt in die Ereignisse,

Was sich nicht in diese Kategorien einfügt, wird überhaupt nicht als Zeit begriffen. Es ist vielmehr »Nicht-Zeit«.

Wie Mbiti erklärt: "Die bedeutsamste Folge dessen ist, dass  nach den traditionellen Vorstellungen die Zeit eine zweidimensionale Erscheinung ist, mit einer langen Vergangenheit, einer Gegenwart und praktisch keiner Zukunft. Die lineare Vorstellung der Zeit im westlichen Denken, mit einer unbegrenzten Vergangenheit, einer Gegenwart und einer unendlichen Zukunft, ist dem afrikanischen Denken so gut wie ganz fremd. Die Zukunft ist praktisch nicht vorhanden, weil in ihr liegende Ereignisse noch nicht stattgefunden haben, sie nicht vergegenwärtigt werden können und deshalb auch nicht Zeit darstellen können. Wenn es jedoch bei künftigen Ereignissen sicher ist, daß sie stattfinden oder wenn sie in den Bereich des unausweichlichen Rhythmus der Natur fallen, stellen sie bestenfalls nur potentielle Zeit, nicht wirkliche Zeit dar. Was jetzt stattfindet, entfaltet zweifellos die Zukunft, wenn aber ein Ereignis einmal stattgefunden hat, ist es nicht mehr in der Zukunft, sondern in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Wirkliche Zeit ist also, was gegenwärtig und was vergangen ist. Sie bewegt sich >rückwärts<, nicht >vorwärts<; und die Menschen richten ihren Geist nicht auf künftige Dinge, sondern hauptsächlich auf das was stattgefunden hat."

Ein derartiger Zeitbegriff ist nicht auf Afrika beschränkt. Er ist zumindest in ganz Asien weit verbreitet und wurde in den großen asiatischen Zivilisationen in hochdifferenzierten philosophischen Systemen artikuliert. Wie auch die westlichen Vorstellungen von geistigen Eliten aussehen mögen. Ein sehr ähnlicher Zeitbegriff ist in den lateinamerikanischen Kulturen tief verankert und bestimmt bis auf den heutigen Tag das soziale Lehen sehr vieler Menschen in Lateinamerika.


Quelle: Berger, P.L. / Keller, H.: Das Unbehagen in der Moderne, Campus, Frankfurt – New York 1975, S. 131