Aufmerksamkeit. Kapitel 1: Aufmerksamkeit und Bewusstsein

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3.1 Selektieren 3.2 Kybernetik und Regelkreis 3.3 Zwei Systeme interagieren 3.4 Triviale und nicht-triviale Maschinen 3.5 Autopoiesis und Aufmerksamkeit

 

3.4 Triviale und nicht-triviale Maschinen

Von Foerster unterscheidet triviale und nicht-triviale Maschinen. Ein System ist eine „nicht-triviale“ Maschine, wenn bei Eingabe eines bestimmten Inputs nicht bekannt ist, welcher Output herauskommen wird. Wer als Städter schon mal die Aufgabe bekommen hat, eine Kuh auf die Weide zu treiben, wird wissen, was damit gemeint ist. Die Kuh hat ihren eigenen Kopf, zwar vorwiegend instinktgesteuert und von niedrigem Komplexitätsgrad. Aber trotzdem ist sie „nicht-trivial“: Ein Stockhieb auf ihr Hinterteil kann ganz unterschiedliche Reaktionen auslösen. Entweder sie geht schneller, geht zur Seite, schlägt aus, oder reagiert gar nicht.

Dagegen ist ein Computer trivial: Ein bestimmter Tastendruck wird ein genau bestimmtes Ergebnis auf den Monitor bringen. Wenn er das nicht macht, und das kommt zum Leidwesen vieler Benutzer schon mal vor, ist die Software oder Hardware entweder kaputt oder dem Bediener ist der Eingabe-Ausgabe-Zusammenhang nicht klar.

Abb.: Triviale Maschine

Abb.: Nicht-triviale Maschine

 

Wenn wir die Reize als den Input X verstehen, und das Bewusstsein als den Output Y wird deutlich, dass das Bewusstsein auch von den internen Zuständen des Gehirns bestimmt sind.

Psychische Systeme sind nicht-trivial. Aufgrund ihrer funktionalen Binnendifferenzierung und ihrer Fähigkeit zum Aufbau innerer Modelle der Außenwelt sind sie in der Lage, eine hohe Eigenkomplexität zu entwickeln. Mit dieser Eigenkomplexität können sie die aus der Umwelt ausgewählten Daten mit systemeigenen Daten anreichern und verknüpfen (Willke, S. 26) Dies führt zu einem Sprung aus dem Bereich notwendiger Reiz-Reaktions-Verknüpfung in den Bereich erhöhter Freiheitsgrade. Um handlungsfähig zu werden, muss das System die intern erzeugte, systemspezifische Komplexität in einem zweiten Selektionsprozess erneut reduzieren und in machbare Handlungsoptionen umwandeln.

Aufmerksamkeit und Bewusstsein sind sowohl jedes für sich als auch in ihrer Interaktion nicht-triviale Maschinen. Aufgrund ihrer wechselnden und nicht vorhersehbaren Operationsmodi ist auch der Transformationsprozess zwischen Input und Output unbestimmt, allerdings lassen sich gewisse Wahrscheinlichkeitsaussagen machen.

Gehirn und Geist sind parallel arbeitende nicht-triviale Maschinen.

Ähnlich lässt sich auch das Gehirn mit seinen einzelnen Organen als nicht-triviales System begreifen. Auch hier sind die Input-Outputbeziehungen prinzipiell unbestimmbar. Das muss ja auch so sein, denn es wäre eigenartig, wenn der Geist trivial und der Geist nicht-trivial wäre. Aufgrund der Parallelität müssen ja Systeme mit der gleichen Grundcharakteristik vorliegen. Geist und Körper stellen also beides nicht-triviale Maschinen dar, die in einer Art des Dualismus zeitlich parallel operieren. Wir müssen davon ausgehen, dass die Kausalitätsbeziehung einseitig von Gehirn zu Geist und Bewusstsein wirksam ist. Diese Annahme kann verworfen werden, wenn uns die Wissenschaft, etwa neuere gehirnbiologische Forschungsergebnisse, oder die Philosophie eine Erklärung liefert, wie die Rückwirkung des Geistes auf die Gehirnzellen funktionieren könnte. Beim gegenwärtigen Wissensstand bleibt die Wirkungsbeziehung unerklärt.